Forschungsprogramm (nach Herrmann, 1976) (Research program)

A) Ausgangspunkt: Phänomen (Typ-a-Forschung)

1 a) Identifikation oder Vorliegen eines interessierenden Phänomens; begriffliche Klärungen und Definitionen; Voraussetzungen für das Auftreten des Phänomens.

2 a) Suche nach einer Theorie zur Erklärung des Phänomens; diese Theorie spezifiziert die Art der Beziehung zwischen den Variablen.

3 a) Analysen zur Theorie und Identifikation einer geeigneten Hypothese, die auf das Phänomen bezogen werden kann, sowie Feststellen der "Anwendungsvoraussetzungen" für die Theorie.

4 a) Beschreibung des Phänomens in den Begriffen der Theorie; nötigenfalls erneute begriffliche Klärungen; Identifikation der zu untersuchenden Variablen (unabhängige und abhängige Variablen; UV und AV).

B) Alternativer Ausgangspunkt: Theorie oder Hypothese (Typ-b-Forschung)

1 b) Identifikation oder Vorgabe einer zu prüfenden Theorie oder Hypothese.

2 b) Suche nach Phänomenen, auf die die Theorie angewendet werden kann.

3 b) Analysen zum Phänomen und zur Theorie zur Klärung der Frage, ob Theorie und Phänomen grundsätzlich zueinander passen ("Anwendungsvoraussetzungen" für die Theorie und Voraussetzungen für das Auftreten des Phänomens).

4 b) Beschreibung des ausgewählten Phänomens in den Begriffen der Theorie und Identifikation der zu untersuchenden Variablen (UV und AV); nötigenfalls Anpassung des Phänomens an die Theorie derart, dass die Theorie grundsätzlich anwendbar wird.

[Die weiteren Überlegungen sind unter beiden Ausgangspunkten weitgehend gleich, so daß die Trennung zwischen "a)" und "b)" aufgegeben werden kann.].

5) Herstellen oder Aufsuchen einer (psychologischen) Versuchssituation, die die Voraussetzungen für das Auftreten des zu erklärenden Phänomens und für die Anwendung der Theorie enthält.

6) Überlegungen zu den Möglichkeiten, die in der psychologischen Hypothese (Theorie) angesprochenen nicht-beobachtbaren "abstrakten" Variablen "beobacht- bar zu machen" (zu "konkretisieren" oder zu "operationalisieren"); dabei Zuhilfenahme von Hilfstheorien und Berücksichtigung des verfügbaren Hintergrundwissens.

7) Wahl einer Versuchsplan-Anlage zur formalen Anordnung der beteiligten Variablen einschließlich der Anzahl der Stufen der UV(n) und Überlegungen zur Art der Bedingungsvariation (inter- oder intraindividuell) und zur Art der Zuweisung der Pbn. zu den Untersuchungsbedingungen ("zufällig" oder "nicht- zufällig").

8) Aufstellen ("Ableiten") einer psychologischen Vorhersage, die sich auf die beobachtbaren "konkreten" Variablen und die gewählte Versuchsplan-Anlage bezieht und die angibt, welche Zustände (Werte) die AV in Abhängigkeit von verschiedenen Zuständen (Ausprägungen, Stufen) der UV(n) annimmt; Antwort auf die Frage: Was ist auf Seiten der AV zu erwarten, wenn die Hypothese zutrifft und wenn die UV in der gewählten Weise variiert wird? Berücksichtigung des Kriteriums der Adäquatheit bei der Ableitung (vor allem: Art der Vorhersagen und statistischen Hypothesen: gerichtet oder ungerichtet).

9) Überlegungen zur Sicherung der Untersuchungsvalidität, besonders der sog. internen (oder auch: Ceteris-paribus-) Validität (Identifikation und Kontrolle bzw. Elimination von potentiellen Störfaktoren und Überlegungen zu bewährten oder plausiblen Störungshypothesen) und der Variablen-Validität (oder: Validität der Eindeutigkeitsbedingungen) (vor allem: Sicherstellung der Konstanz der Ausprägung der UV für alle Pbn. in einer Versuchsbedingung, aber Variation der (Ausprägungen der) UV über verschiedene Versuchsbedingungen); Erstellen der entsprechenden Versuchsinstruktion(en) sowie des benötigten Materials.

10) Aufstellen einer statistischen Vorhersage aufgrund der psychologischen Vorhersage; Berücksichtigung des Skalenniveaus der AV und der in der inhaltlichen Vorhersage ausgedrückten Beziehungen zwischen UV und AV (Kriterium der Adäquatheit). Nötigenfalls Zerlegung der statistischen Vorhersage in testbare statistische Hypothesen des Typs H0 oder H1, die direkt mit verfügbaren statistischen Tests getestet werden können. Dabei Wahl eines Entscheidungskriteriums ("streng" oder "schwach"; siehe dazu Punkt 17 unten), um die Untersuchungsvalidität zu beeinflussen.

11) Testplanung zur Kontrolle der verschiedenen Determinanten des statistischen Tests, besonders der statistischen Fehlerwahrscheinlichkeiten a und b zur positiven Beeinflussung der statistischen Validität. Festlegung der zu entdeckenden Effektgröße und der erforderlichen Stichprobengröße oder aber der Größen a und b pro Test bei festliegendem Stichprobenumfang.

12) Durchführung der Vorversuche zur Erprobung der Instruktion(en), des Versuchsmaterials sowie des gesamten Versuchsablaufes. Eingehende Befragung der Pbn: Wurde die Instruktion verstanden? Haben sich die Pbn. so verhalten, wie es zur validen Hypothesenprüfung erforderlich ist? Welche Probanden- Hypothesen traten auf, die das Ergebnis verfälschen könnten? Welche Verbesserungen der allgemeinen Versuchsgestaltung können noch umgesetzt werden?

13) Wiederholung der Vorversuche so lange, bis die wichtigsten Fragen positiv beantwortet werden können und bis keine nennenswerten Probleme mehr erkennbar sind. (Merke: Im Extremfall können für die Vorversuche mehr Pbn. erforderlich sein als für den Hauptversuch!).

14) Durchführung des Hauptversuches unter ständiger Kontrolle der unter 12) angesprochenen Punkte und Überprüfung, ob sich Hinweise auf irgendwelche Validitätsverletzungen ergeben. Protokollieren der Ergebnisse pro Pbn.; ständige Aktualisierung der beschreibenden Statistiken pro Versuchsbedingung, damit Auffälligkeiten in den Daten nicht verborgen bleiben (Stichworte: Decken-, Boden- und andere störende Effekte).

15) Vervollständigung der Urliste nach Abschluß des Versuches und Berechnung der erforderlichen statistischen Kennwerte zur Beschreibung der Daten pro Versuchsbedingung und über die zusammengefaßten Versuchsbedingungen; Dateninspektion und Suche nach Auffälligkeiten.

16) Durchführung der geplanten statistischen Tests und Entscheidung über die jeweils gegeneinander getesteten Hypothesen aufgrund des Vergleiches der empirischen mit den kritischen Werten der Teststatistiken ["Beibehaltung oder Ablehnung der H0" oder "Annahme oder Ablehnung der aus der statistischen Vorhersage abgeleiteten statistischen Hypothese(n)".]

17) Entscheidung über die vorgeordnete statistische Vorhersage unter Berücksichtigung der Testergebnisse aus 16) und des Entscheidungskriteriums (streng: "Alle Tests müssen zum vorhersagekonformen Ergebnis geführt haben"; schwach: "Mindestens ein Test hat zum vorhersagekonformen Resultat geführt"); "Annahme oder Ablehnung der statistischen Vorhersage".

18) Entscheidung über das Eintreten oder Nicht-Eintreten der aufgestellten psychologischen Vorhersage aufgrund der Entscheidung über die statistische Vorhersage und der Berücksichtigung der Effektgrößenwerte; "psychologische Vorhersage eingetroffen" oder "psychologische Vorhersage nicht eingetreten".

19) Entscheidung über die oder Beurteilung der zu prüfenden psychologischen Hypothese ("bewährt" oder "nicht bewährt", nötigenfalls mit Einschränkungen). Diese Stufe der Entscheidung macht nur Sinn, wenn plausibel gemacht werden kann, dass während des Versuchs keine vermeidbaren Validitätseinschränkungen aufgetreten sind.

20) Diskussion der möglichen Konsequenzen der Beurteilung der Hypothese und Einordnung der Befunde in den theoretischen Zusammenhang.